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Holocaustgedenken in Israel

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Einmal im Jahr steht das Land still. Wenn am Morgen des Holocaust-Gedenktages die Sirene heult, verharren die Israelis, bleiben auf der Straße stehen, halten inne. Welche Botschaft haben diejenigen, die von den Nazis ermordet werden sollten und überlebt haben? Welche Fragen stellen ihre Enkel? Eine Reise durch Israel in der Woche der Erinnerung - sie beginnt am Abend des 23. April in Jerusalem, kurz nachdem die Sonne untergegangen ist...

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Die staatliche Zeremonie

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Kalter Wind weht über den Herzlberg nahe Jerusalem, als der israelische Schauspieler Adir Miller die letzten Worte eines jüdischen Vaters an seine Tochter im Scheinwerferlicht vorträgt, eingerahmt von düsteren, überlebensgroßen Bronzeskulpturen, die von Leid und Gewalt erzählen.

Viele Zuhörer, die ihm in der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem gegenübersitzen, haben Tränen in den Augen. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sitzt in der ersten Reihe. Hunderttausende Bürger verfolgen die Fernsehübertragung in ihren Wohnzimmern. Jedes Jahr erinnern die Israelis mit dieser Zeremonie an die Geschichte der Holocaustopfer.

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Berlin, den 21.X.1942

Mein geliebtes Kind!

Ich schreibe diesen Brief in der Hoffnung, daß unsere Freunde ihn Dir einmal zustellen können. So lange es ging, haben wir, trotz allem Furchtbaren, das um uns herum geschah, die Hoffnung gehabt, bis zum Schluss durchhalten zu können und Dich wiederzusehen. Die geänderte Lebenslage hat uns nicht gestört und ich habe es verstanden, auch dieser immer die beste Seite abzugewinnen. Gestern ist ein großer Teil der Gemeinde-Mitarbeiter zur Evakuierung bestimmt worden, darunter die Mutti. Eine Reklamation dagegen gibt es nicht. Jetzt bin ich es, der nach nüchternster Überlegung zu dem Schluss kommt, daß wir nicht die körperliche und seelische Kraft haben, dieses Elendsleben zu ertragen, deshalb scheiden wir ruhig aus dem Leben. Ich denke, Du wirst das verstehen und billigen.

Lasse Dir Dein Leben dadurch nicht verbittern, denke nicht zu viel an die Vergangenheit, sondern an die hoffentlich bessere Zukunft. Du darfst uns auch nicht bedauern, denn unser Leben war schön in der gegenseitigen Liebe und der Liebe für Dich. Du hast uns durch dein Dasein das größte Glück gegeben.

Wenn jetzt auch Lug und Trug triumphiert, lasse Dich dadurch nicht beirren, bleibe der ehrliche, aufrichtige Kamerad, der Du immer warst und such Dir auch Deinen Umgang nicht unter den stets liebenswürdigen, sondern den in allen Lebenslagen aufrichtigen Menschen. Ich bitte Dich nochmals, mein geliebtes Pumpeliken, lasse Dein jetzt beginnendes, selbstständiges Leben nicht durch unser vollendetes bestimmen; gedenke unser in Liebe, aber ohne Bitterkeit.

Schon einmal schrieb ich Dir „mein liebes Kind wir müssen Abschied nehmen“. Jetzt nehme ich Abschied von Dir und danke Dir für jedes Lachen, für jede Zärtlichkeit und alle Liebe mit der Du mir mein Leben verschönert hast. Werde ein zufriedener und glücklicher Mensch, das ist der letzte Wunsch Deines, Dich innig liebenden Vaters!

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Einige Minuten später zeigen die Bildschirme Max Privler. Über und über mit militärischen Orden behängt, steht er mit erhobenem Haupt leicht erhöht auf einer Plattform, als ein aufgezeichnetes Interview mit ihm auf eine riesige Leinwand projiziert wird.

 Darin erzählt der gebürtige Pole, wie er als Elfjähriger zusammen mit seinem Vater David und weiteren Juden von der Gestapo in den Wald gebracht wurde. „Mein Vater stieß mich in die Grube, bevor sie das Feuer eröffneten“, erzählt Privler. Der Körper seines Vaters habe den Kinderkörper vor den Kugeln geschützt. In der Nacht kletterte der Sohn aus der Grube und floh. „Ich hatte nur einen Gedanken im Kopf: töten und rächen.“ Er kämpfte als Soldat in der Roten Armee, zog 1990 nach Israel.

„Heute bin ich ein vermögender Mann. Ich habe sechs Urenkel und fünf Enkel.“ Als das Video endet, nimmt der 86-Jährige mit fester Hand eine Fackel aus der Hand seines Enkels, der in Soldatenuniform hinter ihm steht. Privler presst die Lippen fest aufeinander, blickt entschlossen geradeaus und entzündet eine von sechs Feuerschalen, die als Symbol für sechs Millionen ermordete Juden stehen. Als die Kamera schon zur nächsten Zeugin schwenkt, drückt ein Überlebender neben Privler dem Soldaten ganz kurz den Arm.

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Die Sirene

Am Morgen des Holocaustgedenktages ist überall in Israel der Ton einer Sirene zu hören. Fast alle Israelis stehen währenddessen still, so wie hier in Yad Vashem.

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Junge Israelis fragen ihre Großeltern

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Überall in Israel hängen in diesen Tagen die Flaggen auf Halbmast. Im Radio wird ruhige, traurige Musik gespielt, die Schulen organisieren eigene Zeremonien. Mittlerweile gibt es einen Trend, Überlebende nach Hause einzuladen, damit sie im Kreise von Familie und Nachbarn ihre Geschichte erzählen.

„Die Enkel haben darauf einen sehr starken Einfluss“, sagt Iael Nidam-Orvieto, Direktorin des Internationalen Instituts für Holocaustforschung. „Mit den Kindern konnte man sich darüber nicht unterhalten. Die Eltern konnten es sich nicht erlauben, zusammenzubrechen.“ Heute hätten viele Überlebende das Gefühl, etwas erreicht zu haben, ein Leben und eine Familie aufgebaut zu haben. Jetzt sei die Zeit sich zu öffnen. Das beginne mit simplen Fragen der Enkel wie „Großvater, was bedeutet die Nummer auf deinem Arm?“

Auch die Schule habe einen Einfluss darauf, sagt die Wissenschaftlerin. In der sechsten Klasse müssen israelische Schüler einen Aufsatz über ihre Familiengeschichte schreiben – und landen häufig bei ihren Großeltern. „Die lernen, dass sie nicht daran zerbrechen“, sagt Nidam-Orvieto.

Aus den Erzählungen entstehen heute neue Fragen. Direkt nach dem Holocaust wurden Überlebende zwar auch schon befragt. Aber damals ging es eher um Daten und Fakten als darum, wie sich die Menschen gefühlt haben. „Außerdem war es sehr heikel, Überlebende direkt danach zu befragen. Häufig hatten die Menschen Schuldgefühle und haben sich geschämt“, sagt Nidam-Orvieto. Über ein halbes Jahrhundert später hätten die Aussagen von Überlebenden eine ganz neue Qualität.

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Fragmente sammeln - Das Archiv

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Einige Tage nach der staatlichen Zeremonie, in den unterirdischen Archiven von Yad Vashem: Archivdirektor Haim Gertner streift weiße Stoffhandschuhe über und zieht dann behutsam eine Karteikarte hervor. „Häftlings-Personal-Karte“ steht darauf und „Fam.-Name: Abraham“. Außerdem eine Adresse und „in KL.: Auschwitz; Grund: Ung. Jude“. Laut Personenbeschreibung war der Mann 1,68 Meter groß und hatte braune Augen. Unter dem Punkt „Sprache“ stehen die Abkürzungen „deut. ung. russ. slow. tsch.”.

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„Die Nazis wollten die Erinnerung an die Juden auslöschen“, sagt Gertner. „Wir verzeichnen und sammeln nun alles, was an diese Menschen erinnert.“ Unter kühlem Neonlicht stehen allein in diesem Raum tausende Schachteln und Kartons mit Dokumenten. „Vor allem die Überlebenden haben uns viele Originale gegeben“, sagt Gertner. 201 Millionen Seiten lagern auf dem Herzlberg. Grundlage dafür ist das Yad-Vashem-Gesetz von 1953. Darin heißt es: „Im jüdischen Staat ist alles zu sammeln, was an die vernichtete Diaspora erinnert.“

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In einem anderen Bereich des Archivs liegen über 40.000 Erinnerungsstücke aus der Zeit des Holocaust. „Artefakte“ werden sie in Yad Vashem genannt, von Menschen gemachte Gegenstände.

Darunter ein Kinderschuh aus schwarzem Leder, dessen Sohle mit winzigen Nägeln befestigt ist. Er gehörte der zweijährigen Hinda Cohen. Deren Eltern werden in den 40er Jahren in einem litauischen Lager als Zwangsarbeiter gefangen gehalten. Tagsüber bleibt Hinda mit anderen Kindern bei den Unterkünften. Eines Tages kehren die Eltern von der Arbeit zurück und finden das Lager leer vor. Die Nazis hatten alle Kinder weggebracht und getötet.

Alles, was ihr Vater Dov Cohen von der zweijährigen Hinda noch findet, ist ein kleiner, lederner Schuh. Er ritzt das Datum 27. 3. 1944 in die Sohle ein und schwört, ihn für immer zu behalten. 1960 emigriert die Familie nach Israel und Hinda Cohens Eltern nehmen ihren Kindern und Enkeln das Versprechen ab, den Schuh zur Aufbewahrung an Yad Vashem zu geben. Nachdem die beiden gestorben sind, übergibt ihn eine Enkeltochter an das Archiv.

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Weltweit bekannt ist Yad Vashem jedoch vor allem für seine Sammlung der Namen. 4,7 Millionen Holocaustopfer sind hier mittlerweile registriert. Außerdem wurden 129.000 Zeugenaussagen von Überlebenden aufgenommen. In letzter Zeit steigere sich diese Zahl rasant, sagt Gertner. „Die Menschen wollen jetzt sprechen.“ Er habe Teams überall im Land, die neue Zeugenberichte nach einem festen Protokoll aufnähmen. Alle wissen: Die letzten Überlebenden werden in den nächsten Jahren nach und nach sterben.

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Aber einige von ihnen saßen auch in diesem Jahr noch in den vorderen Reihen beim staatlichen Holocaustgedenken. Nicht nur bei der nächtlichen Zeremonie in Yad Vashem. Am nächsten Morgen, nach einer weiteren Gedenkstunde im israelischen Parlament, begegnen drei ältere Frauen einer Besuchergruppe, die vor einem Informationsbildschirm steht. Auf Deutsch erklärt ein junger Mann die aktuelle Parteienkonstellation.

Eine der Frauen wagt sich vor. Knallrotes Haar verdeckt tiefe Falten in ihrem Gesicht. „Verstehen Sie diese Sprache?“, fragt sie die Zuhörer am Rande der Gruppe. Die Worte bringt sie mühsam und mit Akzent hervor – nicht auf Hebräisch oder Englisch, sondern auf Deutsch. „Ja“, antworten die Angesprochenen. „Kommen Sie aus Deutschland?“ Die Besucher bejahen erneut. Das Gesicht der alten Dame hellt sich auf. Sie breitet die Arme aus, sagt: „Wie schön, dass Sie hier sind. Willkommen in Israel! Willkommen!“

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Fotos: Ralf Geisenhanslüke, Neta Pirkner, Stefanie Witte

Text & Layout: Stefanie Witte

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